Ist die Jahreslosung eine Drohung?
"Gott verspricht uns, dass das Neue gut werden wird", sagt Dekan Paul Metzger. Foto: Pixabay/PublicDomainPictures
"Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!". Dieser Satz aus der Offenbarung des Johannes ist die Jahreslosung für 2026. Er soll durch das Jahr begleiten und Hoffnung machen. Doch ist Erneuerung immer positiv und hoffnungsvoll? Muss wirklich alles neu werden? Und wann lohnt es sich, loszulassen? Das fragt sich Dekan Paul Metzger.
"Alles neu? Wirklich alles? Ist das eine Drohung?"
Gedanken zur Jahreslosung von Dekan Paul Metzger
Vor vier Jahren haben wir unsere Küche neu gemacht. Bis heute öffne ich den falschen Schrank, wenn ich eine Tasse brauche. Die Tassen waren vorher in einem anderen Schrank. Da stehen jetzt die Gläser. Und nach vier Jahren habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt. Die Macht der Gewohnheit ist eine lange andauernde Kraft.
Als ich noch klein war, hat sich mein Vater seinen Schnurrbart abrasiert. Er hatte Probleme mit der Haut und musste ihn abnehmen. Ich kannte meinen Vater aber nur mit diesem Schnauzer. Ich habe ihn fast angefleht, den Bart wieder wachsen zu lassen. Ohne war er einfach nicht mein Vater. Unglaublich, was so ein paar Haare verändern. Gewöhnung ist alles.
Und jetzt: alles neu? Wirklich?
In unserer Kirche machen wir gar nicht alles neu, aber doch sehr vieles. Das neue Jahr wird sehr herausfordernd und interessant. Wie gestalten wir das Neue? Freude kommt bei der Frage selten auf. Im Gegenteil: Ich erlebe, wie wir uns an dem festhalten, das wir kennen, das wir gewohnt sind. Wir halten uns sogar dann noch fest, wenn wir merken, dass es nicht mehr geht. Das, was wir haben, hat uns über die Jahre getragen. Jetzt bricht es zusammen. Aber wir wollen es trotzdem festhalten. Denn wir wissen nicht, was kommt. Das Neue macht uns Angst. Und jetzt alles neu?
Das Phänomen ist bekannt. Schon die Israeliten murrten beim Auszug aus Ägypten. Besser die Sklaverei als das, was kommt. Denn man weiß ja nicht, was kommt. Und das ganz alte Sprichwort sagt: Es kommt selten was Besseres nach.
Ist die Jahreslosung also eine Drohung?
Es kommt darauf an, wer das sagt.
Wenn etwas neu ist, dann muss es eingeordnet werden. Wo die Tassen stehen, weiß ich selbst. Meinen Vater habe ich weiterhin an der Stimme erkannt. Und unsere Kirche identifizieren wir durch die Menschen, die sie bilden. So wird es deutlich.
Gott spricht! Das ist der Anker, den wir brauchen. Wenn Gott sagt, dass er alles neu machen wird, dann brauchen wir keine Angst zu haben. Denn er versichert uns, dass das Neue keine Bedrohung ist, sondern dass es gut ist. Es ist besser als jetzt. Wir sind es deshalb auch nicht gewohnt. Das ultimativ Gute erwartet uns. Darin liegt Gottes Versprechen.
Und für uns ist das ein Zuspruch, eine Ermutigung. Wir können voller Vertrauen in das neue Jahr gehen. Denn Gott verspricht uns, dass es gut werden wird.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes neues Jahr!
Ihr Paul Metzger


