"Nichts ist stärker als Gottes Mutterliebe"
Kein Superheld ohne Schwachstelle? Kein Vertrauen ohne Risiko? Doch was ist mit dem Vertrauen in Gott - und umgekehrt mit seinem Vertrauen in die Menschen? Und wieso lässt eine Löwen-Mutter im Instagram-Video Paul Metzger an Weihnachten denken? Fragen über Fragen, auf die der Dekan hier antwortet.
Gottes Vertrauen ist sein Weihnachtsgeschenk für uns
Es ist so niedlich. Und gleichzeitig so heroisch: Die Löwin trägt ihr Baby im Maul. Sie kommt ganz nah an das Auto der Safari-Gruppe heran. Sie lässt ihr Baby in den Schoss einer Expeditionsteilnehmerin fallen. Dann dreht sie sich herum und plötzlich kommen drei Hyänen aus dem Busch geschossen. Die Löwin stellt sich dem Kampf, das Video bricht ab. Und die Schrift erscheint: "Nichts ist stärker als Mutterliebe."
Ich sehe den Clip auf Instagram. Und natürlich bin ich gerührt. Obwohl ich weder weiß, wie das Video begonnen hat, noch wie es endet. Ich weiß nicht einmal, ob das Video echt ist. Aber es spricht in 25 Sekunden meine Gefühle an. Natürlich übertrage ich die Tierwelt in meine Welt.
Eine Mutter weiß, dass ihr ein Kampf bevorsteht, den sie nicht gewinnen kann. Deshalb bringt sie ihr Kind vorher in Sicherheit. Sie vertraut ihr Kind anderen Wesen an, weil sie darauf hofft, dass es dort bessere Überlebenschancen hat. Sie vertraut mit vollem Risiko. Und macht Gott das nicht irgendwie auch? An Weihnachten?
Mir fällt Vertrauen oft schwer. Aber ich wundere mich darüber nicht. Wir bringen unseren Kindern schließlich bei, misstrauisch zu sein. Man steigt nicht in fremde Autos ein. Man geht nicht mit fremden Menschen mit. Man legt seine Babys nicht fremden Menschen in den Schoß.
Vertrauen ist ein hohes Gut, das man sich verdienen muss. Und oft genug müssen wir erleben, wie Vertrauen enttäuscht wird.
Die Löwin weiß nicht, was die Menschen mit ihrem Jungen machen. Gott wusste auch nicht, was die Menschen mit seinem Jungen machen. Das ist das Risiko, das er eingeht. Wahrscheinlich hat er geahnt, was er riskiert. Aber das nimmt er in Kauf. Und lässt es Weihnachten werden.
Für uns Menschen ist es trotz dieses ultimativen Geschenks nicht leicht, zu vertrauen. Vielleicht weil wir an dieser Geschichte Gottes mit uns Menschen gesehen haben, wozu wir fähig sind, wie unmenschlich wir sein können. Und unsere Geschichte und Gegenwart bestätigen dies mit all ihren Grausamkeiten weiterhin.
Deshalb wünschen wir uns einen Panzer, der uns umhüllt und schützt. Einen undurchdringlichen Schutzschild. Dann brauchen wir kein Vertrauen mehr. Dann sind wir – frei nach Schiller – mächtig und allein.
Doch so etwas gibt es nicht. Selbst epische Helden haben ihre Schwachstellen. Achilles wurde von seiner Mutter an der Ferse gehalten, als sie ihn durch ein Bad im Fluss Styx unverwundbar machen wollte. Siegfried bemerkte bei seinem Bad im Blut des Drachen nicht, dass ein Lindenblatt auf seinen Rücken fiel. Beide kommen durch ihre Schwachstellen zu Tode.
Gottes Schwachstelle ist seine Liebe zu uns. Deshalb lässt er sich selbst zur Welt bringen. Er legt sich selbst in einen fremden Schoss. Er ist Löwin und Junges zugleich. Das ist das Geheimnis der Weihnacht.
Und wie sieht das Geschenk jetzt für uns aus?
Wir baden auch – wie Achilles und Siegfried. Wir nehmen ein göttliches Bad, das Weihnachtsgeschenk Gottes für uns. Im Brief an Titus, dem Predigttext des 1. Weihnachtstages, ist die Rede vom "Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung durch den Heiligen Geist, der reichlich über uns ausgegossen ist" (Tit 3,5). Das ist das Geschenk, das wir an Weihnachten empfangen. Ein Bad, das uns immer wieder neu macht.
Es ist kein Schutzschild, keine Rüstung, die uns unverwundbar macht. Wir müssen immer noch ins Risiko gehen. Wir müssen vertrauen und uns des Vertrauens anderer würdig erweisen. Aber es ist eine Zusage. Gott kümmert sich um uns. Wir werden rein. Wir bekommen einen Beistand. Wir sind nicht mehr allein. Das ultimative Vertrauen bekommen wir geschenkt. Gott vertraut sich uns an und wir können ihm vertrauen. Das ist unser Gewinn. Mit Gottvertrauen leben wir besser. Nichts ist stärker als Gottes Mutterliebe.
Ich wünsche Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Start ins neue Jahr.
Ihr Paul Metzger

