Dekan Metzger: "Gesellschaftliche Entwicklung nicht einfach hinnehmen"
Ein Abgleiten in Richtung Faschismus kann nur gemeinsam verhindert werden, meint Dekan Metzger. Foto: Christian Schauderna/fundus-medien.de
Wie konnte es zum Rechtsruck in der Gesellschaft kommen - damals und heute? Dekan Paul Metzger erkennt deutliche Parallelen und fragt sich: Steuern wir heute unweigerlich in Richtung Faschismus - oder können demokratische Kräfte dies verhindern? Die folgende Rede hielt er am 9. November 2025 in einer Gedenkfeier, die an die Ereignisse und Opfer der Novemberpogrome von 1938 und die Deportation Ludwigshafener Juden und Jüdinnen in das Konzentrationslager Gurs im Jahr 1940 erinnerte.
Gedanken zur Reichspogromnacht – Rede von Paul Metzger anlässlich der Gedenkfeier am 9. November 2025
Seit meiner ersten Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus habe ich mich gefragt: Wie hat das angefangen? Wie kippt das Volk der Dichter und Denker in eine monströse Gesellschaft? Und daran anschließend: Gab es einen "Point of no return", einen Punkt, an dem es kein "zurück" mehr gab?
Die historische Forschung kennt verschiedene Antworten auf diese Fragen. Sie verweist auf die Krise der späten 1920er Jahre, auf Inflation, Arbeitslosigkeit oder soziale Unsicherheit. Sie beschreibt einen Vertrauensverlust in demokratische Einrichtungen. Man hatte das Gefühl, dass die Institutionen nicht mehr handlungsfähig waren. Man fühlte sich gedemütigt durch fremde Mächte, durch die Niederlage des Ersten Weltkrieges. Und man hatte Angst vor der neuen Zeit, der Modernisierung, den ersten Wellen von Migration oder Emanzipation. Es herrschte ein Bedürfnis nach "Ordnung", nach der "guten alten Zeit".
Wenn ich diese Antworten höre, kommen sie mir erschreckend aktuell vor. Denn wie ist es denn heute? Bei uns?
Beginnt es nicht wieder mit einem Gefühl? Ich versuche nachzuvollziehen, wie ein Abgleiten in faschistisches Denken geschehen kann.
Am Anfang bin ich unzufrieden. Mit mir. Mit meinem Leben. Ich blicke mich um. Andere haben mehr. Ständig sehe ich auf Instagram, wie andere Urlaub machen. Ich kann mir das nicht leisten. Ich fühle mich gedemütigt. Und die sind da alle so schön. Auf Instagram. Und ich bin so gewöhnlich, so normal. Ich arbeite. Aber ich komme nicht weiter. Ich erkenne: Wir stecken in einer andauernden Krise. Wie soll das weitergehen? Alles verändert sich so schnell. Das macht mir Angst.
Die Welt überfordert mich, sie ist zu komplex. Aber das gebe ich nicht zu, denn das wäre schwach. Ich suche nach Schuld und ich schiebe Schuld zu. Der Staat – die Stadt: niemand hat es mehr im Griff. Wollen die überhaupt noch? Oder machen die nur Politik für Freunde und Familie? Und die Medien? Die Presse? Das Fernsehen? Die sind doch auch alle gekauft. Die berichten nicht mehr richtig. Früher war alles besser. Wer ist schuld? Wer sagt, was stimmt?
Alle Antworten finde ich auf TikTok. Ich finde Führer und eine Führerin, die an den Mikrofonen bellen. Die beantworten nicht die Fragen, die die "Lügenpresse" stellt. Die sagen, was ich hören will. Und so komme ich wieder in Bewegung. Ich erkenne andere Menschen, die so denken wie ich. Da kann man noch sagen, was man will.
Und dann sehe ich klar: Die anderen sind schuld, die sehen anders aus, die reden anders, die bekommen alles geschenkt. Die sind nicht wie ich. Die müssen weg.
Da macht jemanden einen Fakten-Check: "Deutschland braucht langfristig 400.000 Personen jährlich, die zuwandern und erwerbsfähig werden, um das Sozialsystem aufrechtzuerhalten. 2023 wurden aber nur rund 260.000 Asylanträge positiv beschieden."
Aber: Es ist längst zu spät für Fakten. Es ist kein Gefühl mehr, es ist eine Überzeugung.
So beginnt es. Und wie geht es weiter? Was passiert, wenn Fakten keine Rolle mehr spielen? Wie geht man damit um, wenn Gefühle nur noch nach Bestätigung suchen und die Gesellschaft in Blasen und Echokammern zerfällt. Was kann man tun, wenn ein gemeinsames Fundament – nennen wir es Glaube, nennen wir es Humanität – erodiert und der Boden unter unseren Füßen wegbricht? Wie erreichen wir die Leute, die heute nicht hier sind?
Aus meiner Sicht komme ich zu dem Ergebnis: Es hat wieder angefangen. Und jetzt ist die entscheidende Frage: Wie halten wir es auf? Die modernen Forschungen zeigen: Es gibt keinen festen "Point of no return". Gesellschaften driften allmählich in Richtung Faschismus ab. Erst werden Tabus gebrochen ("Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"), dann Gesetze "angepasst", die vierte Gewalt – also die freie Presse – wird eingeschränkt, schließlich werden Gewalt und Machtmissbrauch hingenommen und für legitim erklärt. Je länger eine Gesellschaft diese Entwicklung hinnimmt, desto schwerer wird es.
Für meinen Geschmack haben wir die schiefe Ebene heute bereits betreten. Und ich bete und ich hoffe inständig, dass wir nicht abgleiten. Dass wir nicht wieder abgleiten, so wie vor 87 Jahren. Das wird uns nur gemeinsam gelingen und deshalb danke ich Ihnen allen ganz persönlich, dass Sie heute hier sind.
Vielen Dank!


