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Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!

Dekan Paul Metzger. Foto: privat

Die Evangelische Kirche der Pfalz steht vor der Wahl: Transformation "by design or by desaster" (Steffen Bauer). Die leitenden Gremien haben sich für "Design" entschieden und einen Entwurf vorgelegt. Einige Weichenstellungen führen dabei zu heftigen Diskussionen. Dekan Paul Metzger begrüßt die Debatten um den Transformationsprozess ausdrücklich und trägt mit eigenen Gedanken dazu bei.

 

Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!

Gedanken zum Transformationsprozess der Landeskirche von Dekan Dr. Paul Metzger

„Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!“ Dieser Satz ist für mich eine Erinnerung an meine alte Mathematiklehrerin Ute Spiegel, im Gymnasium an der Burgstraße in Kaiserslautern. Sie sagte diesen Satz mehrmals die Stunde, wenn wir uns in unseren Berechnungen verirrt hatten. Und ich gestehe: Viel mehr als dieser Satz (und noch ein paar andere Weisheiten von ihr wie zum Beispiel „So schnell schießen die Preußen nicht!“) ist mir aus dem Mathe-Unterricht nicht geblieben.

Er fällt mir jetzt wieder ein, wenn ich die Debatte verfolge, die sich im Pfarrerblatt, auf Facebook, in der Rheinpfalz und in dem Arbeitskreis „Gegen den Entzug der KöR-Rechte“ in Grünstadt und Umgebung gebildet hat. In der Sache geht es um die im Zuge des Transformationsprozesses der Landeskirche geplante Umwandlung der Körperschaft des öffentlichen Rechts in eine Körperschaft des kirchlichen Rechts.

Diese Umwandlung schlägt erwartungsgemäß hohe Wellen und viele Personen, die sich damit beschäftigen, fühlen sich offenbar sehr unwohl mit dieser Entscheidung. Ich versuche, dies auf der einen Seite nachzuempfinden, auf der anderen Seite aber auch rational einzuordnen. Also: Vorwärts, wir müssen zurück.


1. Die Emotion

Wenn ich in Kaiserslautern am erwähnten „Burg-Gymnasium“ vorbeigehe, empfinde ich ein wenig Nostalgie und ertappe mich, wie ich meinen Kindern von „meiner“ Schule erzähle. „Meine“ Schule meint: Das ist die Schule, in der ich viel Lebenszeit verbracht habe und wesentlich geprägt wurde. „Meine“ Schule ist es also, weil ich emotional damit verbunden bin. Der Gedanke, dass sie mir gehört, liegt mir dabei sehr fern. Auch wenn ich mich zuweilen an Fundraising-Aktionen beteiligt habe, um für die Schulgemeinschaft etwas Geld zu akquirieren.

Anderes Beispiel: Meine Großeltern haben lange Jahre in einer Mietswohnung gewohnt. Beide haben sich für die Wohnung verantwortlich gefühlt und darauf geachtet, dass sie gut in Schuss blieb. Mein Opa ist schließlich in dieser Wohnung gestorben. Meine Oma hing sehr an „ihrer“ Wohnung, obwohl sie ihr nie gehört hat.

Analog verstehe ich die Rede von „meiner“ Kirche. „Meine“ Kirche wäre in diesem Sinn die Christuskirche in Kaiserslautern. Hier hatte ich Kindergottesdienst, hier bin ich konfirmiert worden, hier habe ich zum ersten Mal gepredigt. Mein Opa hat diese Kirche mitgebaut, mein Vater ist Ehrenpresbyter der Gemeinde. Deshalb ist es „meine“ Kirche.

Wem diese Kirche „gehört“, habe ich nie gefragt. Und ich vermute, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir. Sie haben eine emotionale Beziehung zu ihrer Kirche, die nichts mit dem Eigentum eines Gebäudes zu tun hat. Der Begriff der „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ hat damit nichts zu tun. Es geht nicht um das, was im Grundbuch steht, sondern um das, was man persönlich mit einem Gebäude verbindet, was man in ihm und mit ihm erlebt hat. Es geht also nicht um Eigentum, es geht um eine persönliche Beziehung.


2. Das Grundbuch

„Aber im Grundbuch stehen wir!“ Diesen Satz hat ein Presbyter in einer Kirchengemeinde in Ludwigshafen im Rahmen einer Diskussion gesagt. Es ging um die Frage, ob ein Gebäude der Gemeinde renoviert werden soll oder nicht.

Was er mit dem Satz meinte, ist klar: Der Gemeinde „gehört“ das Gebäude, sie ist Eigentümerin, also kann sie über das Gebäude bestimmen. In diesem Fall hatte die Gemeinde auch die finanziellen Mittel, die Renovierung zu bezahlen.

Trotzdem muss die Gemeinde, nach gültiger Rechtslage, einen Antrag beim Bezirkskirchenrat stellen, um die Renovierung beauftragen zu dürfen. Sie ist zwar Eigentümer des Gebäudes, kann aber nicht beliebig darüber verfügen. Sie braucht eine „kirchenaufsichtliche Genehmigung“.

In unserem Fall hat der Bezirkskirchenrat zugestimmt, dass das Gebäude saniert werden darf, weil es sich in erster Linie um eine Sicherungsmaßnahme handelt, die unabweisbar notwendig ist. Die Gemeinde hat jetzt übrigens alle Rücklagen aufgebraucht.

Zwei Dinge sind an diesem Beispiel sehenswert: Erstens kann eine Gemeinde grundsätzlich „jetzt schon“ nicht beliebig über ihr Eigentum verfügen. Das suggerieren aber die Stimmen, die sagen, dass Gemeinden durch den Verlust der Körperschaft des öffentlichen Rechts „enteignet“ würden.

Zu fragen ist: Werden sie es wirklich, wenn sie bereits jetzt nicht das Recht haben, das eigentlich „Eigentum“ ausmacht? Sind sie dann nicht eher „Besitzer“ des Gebäudes? Und bleiben sie das nicht auch als „Kirchengemeinde kirchlichen Rechts“?

Zweitens sieht man, dass selbst eine wohlhabende Gemeinde sehr schnell ihrer finanziellen Mittel verlustig geht, wenn eine gravierende Baumaßnahme ansteht. Man erkennt: Eine Gemeinde kann oft gar nicht wie ein Eigentümer handeln, weil sie sonst „Privatinsolvenz“ anmelden müsste. Das Grundbuch ist demnach kein überzeugendes Argument, weil die Rechte des Eigentümers bereits jetzt beschnitten sind und weil das Eigentum – wenn es nicht erfolgreich „vermarktet“ wird – eher in den Abgrund als in den Sonnenschein führt.


3. Die Alternative

Wenn von einer „alternativlosen“ Situation die Rede ist, werde ich in der Regel misstrauisch. Im Leben scheint mir nur der Tod „alternativlos“ und selbst da gibt es gerade in unserem Glauben eine andere Möglichkeit. Der Entzug der Körperschaftsrechte ist demnach nicht alternativlos. Aber wie könnte eine Alternative aussehen?

Eine Gemeinde, deren Pfarrstelle besetzt ist, die ihren Haushalt in Ordnung hat und deren Gebäude gut in Schuss sind, spürt wenig Druck zur Veränderung. Sie kann auf ihrer Perspektive beharren und behaupten, dass alles in Ordnung sei und die Maßnahmen, die im Raum stehen, völlig überzogen sind. Sie kann auch recht einfach darauf hinweisen, dass man den Gemeinden doch die Hoheit des Handelns überlassen sollte. Auf freiwilliger Basis können dann Reformen von unten herangegangen werden (was meines Wissens generell in Kirchen sehr selten geschieht).

Es sind auch nur solche Gemeinden, die von „Enteignung“ sprechen können, während diejenigen, die bereits ihren Haushalt in roten Zahlen lesen, eher von „Entschuldung“ sprechen würden. Diese „reichen“ Gemeinden übersehen zwar, dass auch sie sehr schnell in Probleme kämen, sobald sie zum Beispiel „ihre“ Pfarrperson bezahlen müssten, aber sie stehen natürlich im Vergleich „gut“ da. Und solange man nicht links und rechts schaut, ist alles ziemlich in Ordnung. Die Frage ist nur: Ist das „christlich“?

Die Alternative zum Transformationsprozess wäre in meinen Augen eine neoliberale Entwicklung. Die „reichen“ Gemeinden halten noch ein bisschen länger durch als die armen und in der Landeskirche käme es zu lokalen Clustern, in denen sich Gemeinden noch behaupten können (zum Beispiel an der Weinstraße), während andere Landstriche der Landeskirche völlig aussterben würden. Das wäre eine mögliche Alternative. (Übrigens würde das Dekanat Ludwigshafen relativ lange durchhalten. Ich habe also kaum wirtschaftliches Eigeninteresse an einer Fusion mit anderen Dekanaten.)

Und wieder die Frage: Ist das „christlich“? Ein Blick in die neutestamentlichen Texte zeigt: Solidarität ist ein wesentlicher Pfeiler der christlichen Kirche - von „Einer trage des andern Last“ (Gal 6,2) bis zur paulinischen Sammlung für die Gemeinde in Jerusalem. Deutlich ist: Kirche ist mehr als eine einzelne Gemeinde für sich. Sie ist der Korpus Christi, der sich in vielen Kirchen und Gemeinden manifestiert. Und leidet ein Glied am Körper, dann leiden alle mit und sind zur Hilfe aufgerufen. Zu fragen ist also: Wenn wir den Prozess abbrechen und die neoliberale Alternative wählen, wird dann – ganz konkret und zufälliges Beispiel – die Kirchengemeinde Grünstadt ihre Rücklagen auflösen und sie der Apostelkirche in Ludwigshafen spenden? Ich kann sagen: Die Apostelkirche leidet!


4. Die Kirche bleibt im Dorf

Dunkel an die Wand gezeichnet wird im Moment das Bild einer bösen Organisation, die „von oben“ in das Dorf eingreift und die Kirche schließt. Interessant sind an diesem Schreckgespenst mehrere Aspekte. Erstens: „Die da oben“ sind demokratisch gewählt und legitimiert. Ihnen wird unterstellt, das demokratische System abzuschaffen. Es offenbart sich ein seltsames Verständnis von Demokratie. Als System ist sie anscheinend dann nicht gut, wenn ich in der Minderheit bin. Dann verlange ich, dass ich persönlich befragt werde.

Zweitens ist diese böse Organisation die eigene Landeskirche, deren Hauptamtliche – pathetisch formuliert – Treue gelobt haben. Dass man seiner eigenen Leitung ein solches Misstrauen entgegenbringt, ist Anlass zu einer gründlichen Reflektion der eigenen Führung und deren Struktur. Ich kann nachvollziehen, dass man zweifelt, ob wir diesen Prozess in dieser Größe wirklich bewältigen können, bewusst ihn aber zu bekämpfen, scheint der falsche Weg.

Drittens ist erstaunlich, was prophezeit wird. Ist es denn wirklich plausibel zu meinen, dass die Gemeinden „enteignet“ werden sollen, damit der Landeskirchenrat jede Kirche schließen und verkaufen kann? Was soll denn ernsthaft mit den meisten Gebäuden passieren? Eigentlich weiß jeder, der mit offenen Augen unsere Haushalte lesen kann, dass wir unsere Gebäude gewinnbringend nutzen müssen, aber das bedeutet doch gerade nicht den reinen Ausverkauf. Es geht um bessere Nutzung!

Und gleichzeitig gehört zur Wahrheit auch: Wir werden nicht alle Gebäude halten können. Viele müssen umgewandelt werden, damit sie anderweitig genutzt werden können. Das ist eine schwierige Aufgabe, die ein Presbyterium in der Regel nicht leisten kann. Erstens weil ihm die Expertise fehlt, zweitens weil dies oft im sozialen Umfeld unmöglich ist.

Selbst Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, also an der Misere mit schuld sind, verlangen mit großem Pathos, dass das christliche Abendland nicht untergehen und dass deshalb keine Kirche verkauft werden darf. Wer möchte denn in dieser Gemengelage einem Presbyterium zumuten, die eigene Kirche zu schließen? Das kann nur jemand tun, der weiter weg sitzt und die Schuld mit sich nehmen kann.

Die Leute, die vor Ort wohnen, können so eine Entscheidung nicht treffen. Für mich fällt dies in den Rahmen einer fürsorgenden Führungsverantwortung. Und als Leitung eines Unternehmens – und ja: auch die Kirche ist ein Unternehmen – macht man sich zwangsläufig nicht nur beliebt. Hier wäre es an der Zeit Expertise entweder aufzubauen oder einzukaufen. Das können wir im Moment nicht. Daran muss gearbeitet werden.

Trotz allem: Die Kirche wird nach meiner Prognose zunächst im Dorf bleiben – und je besser sie genutzt wird, desto sicherer steht sie da.

 

5. Das Ehrenamt

Genutzt wird die Kirche (und alle anderen kirchlichen Gebäude) von Menschen. Leute gehen in die Kirche und machen dort etwas. Am Sonntag feiern sie Gottesdienst. Und was machen sie an den anderen Tagen? Das ist die Herausforderung und sie betrifft über weite Strecken die ehrenamtlichen Kräfte in den Gemeinden und die „normalen“ Gemeindeglieder. Man sieht schon an dieser Überlegung, dass ein weiteres Zerrbild der Diskussion vermieden werden sollte.

Die Behauptung, dass die Ehrenamtlichen „entmachtet“ werden sollen, ist schlicht falsch. Hier wird „Eigentum“ mit „Macht“ gleichgesetzt. Die eigentliche „Macht“, die immer mehr den Ehrenamtlichen zukommt, ist die der Gestaltung. Wir entwickeln uns als Kirche von der „Volkskirche“, die alles und jeden versorgen konnte, zur „Beteiligungskirche“. Das bedeutet schlicht gesagt: Wenn jemand will, dass etwas in seiner Gemeinde geschieht, dann muss er es in Zukunft selbst machen. Es werden nicht mehr genügend hauptamtliche Kräfte vorhanden sein, um jede Gruppe und jeden Kreis zu betreuen.

Soll das, was noch vorhanden ist, aufrechterhalten werden, kann dies nicht mehr allein oder hauptverantwortlich in den Händen der immer weiter belasteten Kollegenschaft liegen. Neue Ideen werden nur mit ehrenamtlichen Kräften zu realisieren sein.

Neue Wege zu suchen und zu gehen, ist dringend notwendig. Funktionieren wird dies aber nur, wenn ehrenamtliche Kräfte dazu ermächtigt und befähigt und dann selbsttätig und eigenverantwortlich gelassen werden.

Ein erfolgreiches Beispiel ist der sogenannte „Kirchenkaffee“ in Ludwigshafen-Pfingstweide. Aufgrund des Mangels an haupt- und nebenamtlichen Predigern wurde hier die Idee des „Priestertums aller Getauften“ umgesetzt. Wir haben die Kirche geöffnet, das Presbyterium und andere ehrenamtliche Kräfte gestalten eine Andachtsform, die ohne hauptamtliche Ressourcen auskommt. Diese Form wird 14-täglich im Wechsel mit dem Gottesdienst angeboten und sehr gut angenommen.

Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche der freiwilligen und erfüllenden Betätigung von vielen Menschen sein oder sich in Nischen zurückziehen müssen, die von wenigen Hauptamtlichen belebt werden müssen. Das, was passiert, ist wesentlich von ehrenamtlich tätigen Menschen abhängig. Das ist ihre wahre „Macht“.


6. Das Budget

Gerecht ist dann, wenn alle gleich sind oder gleichbehandelt werden. Das empfinden wir in der jahrhundertealten Prägung durch das römische Rechtssystem. Es scheint das menschliche Gerechtigkeitsempfinden sehr gut zu treffen.

Schon biblische Gleichnisse setzen sich damit auseinander. Besonders bekannt ist dabei das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16), das die Gerechtigkeit Gottes völlig neu definiert und deshalb lehrt, „dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten“.

Wir können das lernen und vielleicht verstehen, aber empfinden können wir es eigentlich nicht.

Unsere menschliche Natur schlägt in diesem Prozess nun gnadenlos durch und wir fragen nach „unserem“ Geld: „Haben wir nicht verantwortlich gewirtschaftet? Und jetzt soll es uns weggenommen werden?“ Neben dem bereits gegebenen Hinweis auf die christliche Solidarität muss hier deutlich gesagt werden: Gemeinden behalten doch auch noch Geld.

Noch kann man nicht seriös sagen, wieviel das genau sein wird, aber die neuen Gemeinden werden nicht mittellos zurückgelassen. Sie haben Mittel zur Verfügung, um das kirchliche Leben vor Ort zu gestalten. Zweckgebundene Spenden bleiben bei ihnen, alles, was sie über Fundraising-Aktionen einnehmen, bleibt bei ihnen. Sie haben die Möglichkeit zu wirtschaften. Die Motivation zum Handeln ist somit auch in finanzieller Hinsicht gegeben – obwohl das natürlich nicht die eigentliche Triebfeder gemeindlichen Lebens sein sollte.

Ich kann nachempfinden, dass diejenigen Gemeinden, die noch etwas haben, hier vor allem den Verlust ihrer Mittel sehen. Und wieder ist zu betonen, dass es nicht leicht ist, christlich zu handeln. Deshalb halte ich das Bild, das die Apostelgeschichte von den ersten Christen zeichnet, für eine deutliche harmonisierende Geschichtsschreibung, aber ein Richtpunkt kann es schon sein: „Alle waren ein Herz und eine Seele. Nicht ein Einziger betrachtete irgendetwas von dem, was ihm gehörte, als sein persönliches Eigentum; vielmehr teilten sie alles miteinander, was sie besaßen.“ (Apg 3,32). Das ist ein Ideal, aber eine Erinnerung daran, wäre der Sache durchaus dienlich.


7. Das Ziel

Um was geht es eigentlich? Wir fragen doch, wie wir das, was Kirche tun soll, in Zukunft tun können. Was Kirche tun soll, ist pauschal einfach zu sagen: ihr Auftrag ist die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat. Schwierig ist hingegen, diese so richtige wie pauschale Auftragsbestimmung konkret mit Leben zu erfüllen.

Nimmt man unsere Verfassung zum Vorbild, dann lassen sich als Aufgabenfelder definieren: Der Kirche „ist die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament, die Seelsorge, der Dienst christlicher Liebe, die christliche Unterweisung und der missionarische Dienst (KV §1.2.2) aufgegeben. Das Erstellen von Haushaltsplänen, das Genehmigen von Jahresrechnungen, die Beschäftigung mit Baugenehmigungen etc. gehören meines Wissens nicht zu diesem Aufgabenfeld.

Und genau das ist die Zielvorstellung, die ich vor Augen habe. Die hauptamtlichen Kräfte werden entlastet von Aufgaben, die sie in der Regel nicht gerne machen und bei denen sie sowieso auf andere Professionen (zum Beispiel Verwaltungsamt) angewiesen sind.

Warum lassen wir dann die Verwaltung und die Geschäftsführung nicht gleich von Profis machen? Warum halten wir so verbissen daran fest? Damit sparen wir doch Zeit und Geld.

Und das sollte doch niemandem weh tun. Und wenn sich doch jemand von uns – ob haupt- oder ehrenamtlich – hier berufen sieht, dann bitte. Wenn das seine Neigung ist, dann werden viele das sicher begrüßen. Das wäre ein Glücksfall für „neigungsorientiertes“ Arbeiten.

Gleichzeitig sehe ich eine Befreiung zum eigentlichen Dienst, wie er in der Verfassung beschrieben ist. Es soll mehr Zeit für Seelsorge, Diakonie, Gottesdienst und Unterricht geben. Dafür sind doch die meisten Pfarrpersonen eigentlich angetreten. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum sie sich so dagegen wehren und an einem System festhalten wollen, das im Moment kollabiert. In jeder Vakanz, die sich auftut, sehen wir, dass wir das, was wir haben, nicht beliebig ausdehnen können, ohne alle Kräfte in ein Burn-Out zu führen.

Es scheint, als ob es manchmal lediglich um das Prinzip geht. Weder soll das presbyterial-synodale System, das manche Kollegen wie den Heiligen Gral besingen, abgeschafft werden, noch soll der Bezug der Kollegenschaft zu ihren Gemeindegliedern unterbunden werden. Aber dafür braucht es andere Formen. Denn der Bezug zur Gemeinde wird nicht besser, wenn die Gemeinden immer größer werden. Das zeigt ein Blick in die katholische Schwesterkirche zur Genüge. Das Ziel, das mir vor Augen steht, ist also eine Rückkehr zu Grundaufgaben von Kirche. Dabei soll die Funktion, die wir definieren, die Form unserer Organisation bestimmen. Der Inhalt gibt die Linie vor, nicht unsere Vergangenheit.


8. Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!

Wir müssen zurück zu unserem Wesenskern: Solidarität, Barmherzigkeit, Gemeinschaft, Vertrauen. Das soll unseren Umgang miteinander prägen. Wir müssen zurück zu unserem grundsätzlichen Auftrag: Was sollen wir in Zukunft als Kirche tun und was können wir davon tun? Diese Fragen sollen uns leiten.

Also: Vorwärts: Hören wir auf, uns über zweitrangige Dekanatszuschnitte oder den Verlust einer Körperschaft zu unterhalten, von der die meisten Kirchenmitglieder gar nicht wussten, dass sie sie haben.

Vorwärts: Fangen wir an, die wirkliche Probleme in den Blick zu nehmen. Wie soll das alles, was jetzt auf dem Papier steht, gute Wirklichkeit werden?