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"Keine freundliche Empfehlung, sondern Forderung"

Dies Jahreslosung 2024 stammt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Foto: Joachim Lenz/fundus-medien.de

Dies Jahreslosung 2024 stammt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Foto: Joachim Lenz/fundus-medien.de

"Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen": Die Jahreslosung für 2024 berührt eng die Herausforderungen in der Kirche, in der Gesellschaft und in der Welt. Was mag nett klingen mag, ist keine Empfehlung, sondern vielmehr eine Ermahnung, meint Dekan Paul Metzger. Es ist die Ermahnung, solidarisch zu handeln, die Liebe zu anderen Menschen zu leben. Warum diese Forderung genau jetzt richtig und wichtig ist, zeigt er an ganz praktischen Beispielen aus dem Kirchenbezirk.

Handelt solidarisch!

Die Losung für das Jahr 2023 ist ein Zuspruch, der aufrichtet und Mut schenkt: "Du bist ein Gott, der mich sieht" (Gen 16,13). Deshalb war der Vers auch das ganze Jahr über präsent. Diese Zusage konnte man immer hören, gerade in schwierigen Zeiten.

Die Losung für das Jahr 2024 ist anders. Es ist eine Ermahnung: "Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen" (1. Kor 16.13). Das hört sich zunächst freundlich an. Wir sollen etwas geschehen lassen, das soll in Liebe passieren. Das hört sich nach Gefühl an. Man kümmert sich umeinander. Man liebt sich.

Aber der Vers kann täuschen. Er findet sich im Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Der Apostel schreibt an eine Gemeinde, die in sich zerstritten ist und in der es viele Probleme im Alltag gibt. Der Vers steht im letzten Teil des Briefes. Dort wird zusammengefasst: "Ich ermahne euch!" (1. Kor 16,14).

Der Kontext ist also deutlich. Der Vers ist keine freundliche Empfehlung, sondern eine Forderung. Es geht nicht um romantische oder erotische Liebe. Liebe ist hier nicht zu verwechseln mit einem Gefühl oder mit Zuneigung. Der Begriff verweist im Brief zurück auf die ausführliche Beschreibung in Kapitel 13: Die Liebe ist geduldig und gütig. Sie achtet nicht auf sich und erträgt alles.

Liebe zielt auf Verhalten. Die Jahreslosung ist ein Imperativ. Und Liebe meint: Solidarität.

Es werden damit allerdings keine starren Verhaltensregeln benannt, keine Gesetze aufgezählt, keine Normen begründet. Grundsätzlich wird bestimmt, wie sich ein gläubiger Mensch zu verhalten hat. Er lebt die Liebe. Um den Charakter der Jahreslosung also besser festzuhalten, sollte man strenger übersetzen: "Handelt solidarisch!"

Auf Zusage folgt Ermahnung

Nimmt man die beiden Jahreslosungen zusammen, entfalten sie einen sinnvollen Zusammenhang. Auf den Indikativ folgt der Imperativ, auf die Zusage die Ermahnung. 2023 hieß es: "Du bist ein Gott, der mich sieht." Du nimmst mich wahr und sagst mir zu, dass ich dein geliebtes Kind bin. Deshalb brauche ich keine Angst zu haben, mir kann nichts passieren. Das ist mein sicherer Lebensgrund, ich habe Gottvertrauen. Folglich kann ich mich auch solidarisch verhalten. Deshalb kann ich geduldig sein, mich zurücknehmen, nicht auf meinen eigenen Vorteil achten. So spielen Zusage und Ermahnung zusammen.

So passend die Jahreslosung 2023 war und so sehr sie auch das Fundament christlichen Lebens bildet, so passend ist auch die Losung 2024. Handeln ist gefragt, Solidarität ist gefragt – mehr denn je: in der Welt, in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche.

Wir haben in der Kirche schwierige Entscheidungen zu treffen, deren Tragweite wir nicht überblicken. Trotzdem: Wir sehen die Zahlen, deshalb suchen wir neue Wege. Wir probieren etwas aus. Wir entscheiden, was wir nicht mehr machen. Die Losung hilft uns dabei. Wir müssen uns nicht "lieben", wir müssen nicht einmal befreundet sein, aber wir müssen verstehen, dass wir als Christen gemeinsam handeln müssen. Wir sind Kirche. Das ist keine Pfarrerin und kein Pfarrer allein, kein Presbyterium allein, keine Gemeinde allein. Wir sind zusammen Kirche. Solidarität heißt, dass wir uns gegenseitig unterstützen, gerade wenn wir schwierige Entscheidungen treffen und aushalten müssen.

Die Jahreslosung gibt uns dafür keine konkreten Handlungsanweisungen an die Hand. Wie sollte sie das auch können? Aber sie gibt den Rahmen vor: Liebe im gegenseitigen Miteinander.

Die Liebe ist nicht eifersüchtig, auch nicht auf den Gottesdienstbesuch der Kollegin in der Nachbargemeinde. Die Liebe trägt nicht nach. Auch nicht, dass das Presbyterium in der Nachbargemeinde an einem Gebäude festhält. Die Liebe ist gütig. Sie gönnt der Gemeinde nebenan eine wunderschöne Orgel und verzichtet auf die Renovierung des eigenen Instruments. Das ist Solidarität. Aber es ist auch klar: Solidarität ist keine Einbahnstraße. Solidarität ist gegenseitige Rücksichtnahme.

Einfach sind die anstehenden Entscheidungen in unserem Kirchenbezirk nicht. Sachliche Gründe und Emotionen spielen immer eine Rolle. Deshalb braucht es die Ermahnung. Kirche ist eben nicht nur Gefühl. Manchmal sind auch Sacherwägungen ausschlaggebend und oft braucht man auch den Mut, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Und oft lädt man dann auch Schuld auf sich. Man verletzt und nimmt Glaubensgeschwistern Dinge weg, die ihnen lieb sind.

Die Zusage von 2023 hat uns gutgetan und macht die Grundlage unserer christlichen Existenz bewusst. Aber die Forderung von 2024 ist jetzt auch richtig. Wir müssen in die Gänge kommen. Mit dem richtigen Handlungsrahmen: "Alles, was ihr tut, soll in Liebe geschehen!" Oder einfacher ausgedrückt: "Handelt solidarisch!"

Ihr Dekan Paul Metzger